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Entstehungsgeschichte des TSV Rohr 1921

Rohr in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg: Viele junge Männer waren auf den Schlachtfeldern Europas geblieben. Das Leben musste sich wieder normalisieren. So begannen sportbegeisterte junge Burschen auf den Straßen und in den Höfen dem damals als Breitensport aufblühenden Fußballspiel zu frönen. Bei solchen Zusammenkünften wurde immer öfter über die Möglichkeit gesprochen, Sport in einem organisierten Verein zu treiben. Der Gedanke bekam immer konkretere Züge und so trafen sich die begeisterten Sportler zur ersten Gründungsversammlung. Es war vorerst nur ein sog. „wilder" Turnverein. Die Turnbrüder Fritz Neumayer und Georg Geberl übernahmen vorläufig die Führung. Ein einfaches Reck und ein einfacher Barren wurden zunächst im Garten des Herrn Josef Jackermeier, später auf einem von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Wiesengrundstück (in der Nähe des Antonius) aufgestellt. Durch die Aktivitäten der Mitglieder und durch das Interesse, das sie bei der Bevölkerung auslösten, kam es dann zur offiziellen Gründung des Turnvereins Rohr.

Am 12. Mai 1921 beschlossen 32 junge Männer die Gründung des TV Rohr.

Alle Anwesenden ließen sich in die Gründungsliste aufnehmen:

Bauer Adalbert, Daffner Johann, Neumayer Otto, Geberl Georg, Brunner Kaspar, Neumayer Fritz, Schenk Johann, Brand Rupert, Winkelmann Anton, Reitgaßl Johann, Blabl Johann, Schelkshorn Max,, Schmid Andreas, Brunner Georg, Brückl Kajetan, Preimesser Josef, Heigl Jakob, Beck Fritz, Geberl Josef, Brandl Andreas, Dauerer Johann, Jackermeier Martin, Neumayer Johann, Habermeier Adolf, Widmann Ludwig, Grundner Karl, Engelhardt Max, Preiß Max, Salzner Ernst, Dobner Martin, Huber Georg, Petry Adalbert

 

Im Anschluss wurde die Wahl des ersten Turnrates durchgeführt:

1. Vorstand:          Georg Geberl

2. Vorstand           Kaspar Brunner

Turnwart:               Fritz Neumayer

Schriftwart:            Adalbert Petry

Säekelwart             Martin Jackermeier

Zeugwart:              Otto Neumayer

Beisitzer:                Rupert Brand, Xaver Salleck

In der folgenden Zeit wurde der Verein gründlich durchorganisiert. Eine Satzung wurde erstellt, Aufnahme-gebühren, Vereinsbeiträge festgesetzt, und Übungszeiten festgelegt. Im Juli konnte schon ein neuer Barren für 750 RM angeschafft werden. Bald trug man sich auch mit dem Gedanken. weibliche Mitglieder in den Verein aufzunehmen. Bei der 1. Generalversammlung im August konnte die Aufstellung einer Damenriege bekannt-gegeben werden. Die Männer hatten zu diesem Zeitpunkt schon an mehreren Turnwettkämpfen teilgenommen. Ein im Sommer 1921 abgehaltenes Gründungsfest brachte fast 700 RM Überschuss. Damit erstand man ein neues Reck. Nun wurden auch junge Turner aufgenommen, für die eigene Übungszeiten an den Geräten ein-gerichtet wurden. Anton Winkelmann, Johann Dauerer, Adalbert Petry, Alois Auer und Rupert Brand übernahmen die Betreuung.

Doch bald ließ die erste Begeisterung nach und eine ernste Mahnung des Vorstandes, die Übungsstunden zu besuchen, folgte.

Im Jahr 1922 wurde der Sportbetrieb zunächst durch die Gründung einer Handballmannschaft erweitert.

 

Ein großer Tag für den TV Rohr war der 2. Juli 1922. Die Fahnenweihe wurde gefeiert. Fahnenmutter war Frau Kathi Änderl, Fahnenjunker Otto Neumayer. Dieses Fest wurde von vielen Gästen aus der näheren und weiteren Umgebung von Rohr besucht. Für den Säckelwart war das Ergebnis ebenfalls erfreulich: 2174 RM Überschuss!

Immer neue Mitglieder stießen zum Verein. Interessante Einzelheiten finden sich im Jahr 1923: „ Der Vereinsdiener erhält ein jährliches Aversum (Zuwendung) von 500 M. Für jeden „Gang- bekommt er 150 M. Bei Vereinsfestlichkeiten gehören ihm die Erträgnisse der Garderobe."

Warum so hohe Beträge? 1923 war das Inflationsjahr, Die Geldentwertung nahm groteske Formen an.

 

Nach der Inflation normalisierte sich das Vereinsleben wieder. Die Turnriege nahm an mehreren Wettkämpfen teil. Anton Winkelmann wurde als Turnwart von Adalbert Petry, der damals ein erstklassigerer Turner war, unterstützt. Ein neuer Barren wurde 1924 angeschafft. In den folgenden Jahren wurden im weiteren Umkreis von Rohr und in Rohr selbst viele Turnfeste abgehalten. Die Rohrer Turner konnten viele davon gewinnen.
In dieser Zeit pflegte der TV Rohr neben der körperlichen Ertüchtigung auch die Geselligkeit. Große Tradition erlangte der Silvesterabend des TV, bei dem Theatereinlagen und turnerische Showdarbietungen nie fehlten.

 

Als Beweis mag hier das Programm der Jahresfeier 1927 gelten:

 
1. Prolog (Hedwig Brand)                                                                         
2. Einakter                                         
3. Pyramiden. Stabübungen           
4. Solovorträge                                 
5. Pantomime       
6. Einakter        
7. Barrenturnen der Herren  
8. Stabübungen. Freiübungen 
9. Solovorträge    
10.Das Lied, das uns die Mutter sang    
11. Musik          

 

Bei der denkwürdigen „Jahrtausendfeier“ im Juni/Juli 1926 wurden ebenfalls Wettkämpfe durchgeführt Die Turner waren auch mit zwei Festwagen am großen Festzug beteiligt.

An der Spitze des Vereins standen in dieser Epoche Georg Geberl (1921 - 1927), Fritz Beck (1927 - 1929), Karl Grundner (1930) , Fritz Neumayer (1931), Karl Grundner (1932 - 1935), Josef Huber (1935), Josef Ostermayr (1936 - 1939)

  

Die siegreiche  Turnermannschaft um 1935: Von links Josef Kammermeier, Hans Pelkofer, Josef Meier, Josef Ostermayr, Hans Huber, Kaspar Kammermeier

 

Am 20. August 1931 organisierte der TV Rohr zusammen mit seinem 10jährigen Gründungsfest das Hallertauer Turnfest.

 

Bis 1934 bestand - wie schon beschrieben - der Übungsbetrieb im TV aus Turnen, Leichtathletik und Faustball. 1934 wurde erstmals eine Fußballabteilung gegründet. Der Verein bekam dadurch weiteren Zulauf. Der Spielbetrieb beschränkte sich zunächst aber nur auf Freundschaftsspiele. Aufzeichnungen darüber gibt es aber leider nicht.

Mit dem Beginn des Drittem Reiches- gab es aber auch für den TV Rohr Schwierigkeiten. Zunächst wurden alle Sportvereine in den Reichsbund für Leibesübungen übernommen. Das Führerprinzip wurde eingeführt. Es gab also keine Vorstände mehr, sondern Vereinsführer. Die immer regere sportliche Betätigung in der Schule und in den inzwischen entstandenen Formationen wie HJ, BdM usw. brachte es mit sich, dass der bisher benutzte Turnplatz zu klein wurde.

So wurde von der Gemeinde ein für den ganzen Sportbetrieb geeignetes Grundstück gepachtet Brauereibesitzer Georg Westermeier hatte diesen Platz zur Verfügung gestellt (heutiger Sportplatz). Das etwa 0.6 Ha große Gelände wurde unter Heranziehung der Erwerbslosen und in Gemeinschaftsarbeit der

Turner hergerichtet und eingezäunt. Den Geräteschuppen errichtete Schreinermeister Huber auf eigene Kosten. 

 

Die Gebrüder Huber auf dem Reck

 

Weil aber die Politik mehr und mehr Einfluss auf den Sport nahm, kamen die Vereine in Bedrängnis. So auch der TV Rohr. Aus den Aufzeichnungen des Jahres 1937 geht hervor, dass man sich mit dem Gedanken trug den Verein aufzulösen. "Die Auflösung des Vereines ist durch den mangelnden Turnbetrieb, durch die Wegnahme der Jugend, durch den Wegzug vieler aktiver Turner akut geworden.

 

Man kam aber zu keinem Ergebnis und vertagte die Entscheidung auf das neue Jahr.

Gleich zu Beginn des Jahres 1938 trafen sich die Vereinsführerschaften des TV, der Liedertafel und der Zimmerstutzengesellschaft, ferner die Bürgermeister des Marktes Rohr. Der Vereinsführer des TV Rohr erklärte, sein Verein sei vor die Tatsache gestellt, sich aufzulösen oder eine Lösung zu finden, die ein Weiterbestehen, wenn auch in einer anderen Form, ermöglicht. Es wäre im Anbetracht der vielen Siege, die der Verein schon erfochten habe, nicht denkbar, den Verein aufzulösen. Er machte sich den Vorschlag der Ausschussmitglieder Graßl und Göltl zu eigen, sämtliche drei Vereine, nämlich den Turnverein, die Liedertafel und die Zimmerstutzengesellschaft zusammenzuschließen.in eine „Sportgemeinschaft", Es wurde heftig diskutiert. Zu einer Entscheidung kam man nicht.

Noch einmal, am 27. November 1938 wurde über Auflösung oder Zusammenschluss beraten. Es fiel aber wieder keine Entscheidung. Das Ausschussmitglied Huber berichtete, dass der Turnbetrieb ruhe, und ein neuerliches Aufblühen des TV in absehbarer Zeit nicht zu erwarten sei.

Die aktiven Turner um 1932

  

Links Josef Ostermayr. rechts Josef Meier, hinten von links: Hans Brand, Kaspar Kammermeier, Willi Hartl. Bei den Jungturnern ist noch manch bekanntes Gesicht zu finden, z. B. Fritz Neumayer, Thomas Brand (in Reihe 2 Dritter und 4. von links)

 

Ein weiterer wichtiger Meilenstein in der Entwicklung des Sportvereins war die Einweihung des neuen Schwimmbades im Jahre 1938.

Viele Wettkämpfer hatten sich am 3. Juli eingefunden. Wenn auch das Wetter nicht recht mitspielte. war es doch eine denkwürdige Veranstaltung. Am Vormittag wurden die leichtathletischen Wettkämpfe durchgeführt, am Nachmittag das Wettschwimmen.

Der zweite Weltkrieg beendete die erste große Phase des Aufbaus des Sportwesens im Markt Rohr. Von 1939 - 1944 ruhte der Sportbetrieb im Verein gänzlich.

Als der Zusammenbruch vorüber war, hatte sich das Bild Rohrs gewaltig geändert. Wieder waren viele Sportler nicht aus dem Inferno des Krieges zurückgekehrt. Doch bei den Übriggebliebenen erinnerte man sich rasch an die Tradition des Vereins. Zudem waren durch die Vertreibung inzwischen viele Menschen nach Rohr gekommen und fanden hier - viele zwar nur vorübergehend - eine neue Heimat. So war der Drang, die sportliche Betätigung wiederaufzunehmen, groß.

Unter der Bezeichnung SV Rohr begann man 1946 wieder mit dem Fußballspielen.

1949 gelang auch gleich der Aufstieg in die B-Klasse. (Weiteres unter Abteilung Fußball)

1946/47 existierte auch eine Damenmannschaft im Feldhandball, die unter Sepp Ganslmeier achtbare sportliche Erfolge errang.

 

  

Die Handballmannschaft der Damen mit ihrem Trainer Sepp Ganslmeier, der auch nach dem Wegzug aus Rohr bis zu seinem Tod ein großzügiger Unterstützer des TSV war.

Die Turner nahmen bald nach dem Krieg ihre Übungstätigkeit wieder auf. Aus dem Protokollbuch kann man für das Jahr 1950 entnehmen, dass die Sparte zwar erst wieder am Anfang stehe, dass aber bei der Silvestervorstellung ansprechende Leistungen gezeigt wurden. Auch von der Leichtathletik gibt es wieder Erfolge zu berichten. Die Faustballabteilung war durch das Ableben des Spartenleiters Karl Rieger ohne Beauftragten. Die Sparte Schwimmen kam „nicht zur Durchführung".

 

Ein Sportplatz in gutem Zustand war den Verantwortlichen des Vereins auch damals schon ein großes Anliegen.

Die Vorstandschaft versuchte 1950 aus den Totoeinnahmen einen Zuschuss zum Kauf des Platzes in Höhe von 1500 DM zu erreichen. Das misslang zwar zunächst, doch bekam man für den Platzausbau die gleiche Summe 1951 zugewiesen. Diese Arbeiten wurden nach einem Aufruf an die gesamte Bevölkerung im Frühjahr 1951 durchgeführt. Der Platz wurde damals so hergerichtet, wie er in groben Zügen noch heute besteht. Das zum 30jährigen Bestehen des Vereins geplante Turn- und Sportfest wurde auf 1952 verschoben. Der Sportbetrieb wurde in den Nachkriegsjahren fast ausschließlich auf dem Sportplatz und im Schwimmbad abgehalten, ausgenommen einzelne Turnstunden in der alten Gymnasiumhalle oder im Jackermeiersaal.

  

Die Turnriege beim Schauturnen beim Frühlingsfest mit Vorstand Kaspar Kammermeier

So bedeutete die Errichtung der Schulturnhalle, an deren Finanzierung der TSV durch die Übernahme eines Darlehens beim BLSV in Höhe von 20000 DM beteiligt war, einen wichtigen Meilenstein in der Ausweitung des Sportangebotes. 1963 wurde der Bau eingeweiht, und damit konnte auch der Übungsbetrieb in einer modernen Halle durchgeführt werden.

Eine große Tradition hat sich im Ablegen des Sportabzeichens seit dieser Zeit aufgebaut. Besonders die Damen tun sich in dieser Hinsicht hervor. So haben einige von ihnen schon 25 und mehr Jahre ununterbrochen diesen Leistungsnachweis erbracht

Nach dem Turnhallenbau wurde 1964 erstmals eine Tischtennismannschaft gegründet.

Ein gesellschaftlich großes Ereignis war das 50jährige Jubiläum des Vereins, das am 26. und 27. Juni 1971 gefeiert wurde. Bei einem Festabend im Saal der Brauerei Westermeier konnten neben vielen Sport-kameradinnen und - Kameraden auch einige Gründungsmitglieder geehrt werden. Ein weiteres für den Verein sehr wichtiges Ereignis fand 1973 anlässlich der Einweihung des Feuerwehrhauses und des Bades statt. Alle Rohrer Vereine arbeiteten dabei unter Federführung des TSV zusammen und gestalteten ein Volksfest in der Reithalle. Dieses Fest brachte den Beweis, was möglich ist, wenn alle Vereine an einem Strang ziehen. Der Erlös dieser Großveranstaltung bildete den Grundstock der Finanzierung zum Bau des Sportheimes. Die Vereins-jubiläen 1981, 1986 und 1991 wurden ebenfalls mit großen Festen und Rahmenprogrammen gefeiert.

Seit 1973 besteht wieder eine Leichtathletikabteilung, die von Erich Schneider ins Leben gerufen wurde. Sie setzte damit die alte Tradition der Mehrkämpfer der Vorkriegszeit fort.

Seit 1974 wird der Eisschießsport in Rohr wettkampfmäßig betrieben.

1977 wurde die Tennisabteilung gegründet, 1978 schließlich die Kegelabteilung. 1984 kam Volleyball hinzu, 1991 Karate und 1992 als zunächst jüngste die Abteilung Rehasport mit Wirbelsäulen- und Koronarsport.

Von 19. – 21.Juli 1996 feierte der Verein sein 75- jähriges Bestehen mit einem großem Fest und der Weihe der neuen Vereinsfahne.

 

Im Jahr 1998 wurde dann die Eishockeyabteilung gegründet, im Mai 2009 folgte die Abteilung Boxen.

 

Quellenachweis:
Der Inhalt stammt aus der Festschrift zum Vereinsjubiläum 1996. Er wurde von Hans Lankes recherchiert und zusammengestellt. Ihm gilt unser herzlicher Dank.